Feiert der 1. FC Köln das falsche Jubiläum?

Wie ein Staatsakt – FC feiert 1961 unter Franz Kremer pompös den 60. Jahrestag seit Gründung

Um es vorwegzunehmen, der 1. FC Köln feiert am 13. Februar 2023 formal korrekt den 75. Jahrestag seit der Fusion der beiden Ursprungsvereine. Genau 75 Jahre zuvor hatten sich der Kölner Ballspiel-Club 1901 sowie die Spielvereinigung Sülz 07 zum offiziell benannten 1. Fußball-Club Köln 01/07 e. V. zusammengeschlossen. Jenem Verein, der unter dem Namen 1. FC Köln in fast aller Welt bekannt sein dürfte, weil er für Erfolge, Misserfolge und jede Menge Geschichte(n) steht.  Daher scheint klar zu sein, dass der 13.2.1948 seit Anbeginn dieses neuen Vereins das in Beton gegossene Gründungsdatum darstellt.

 

Doch das hat man auch schon einmal ganz anders gesehen und danach gehandelt. Denn laut einer vorliegenden Kopie einer 40-seitigen Abschrift eines Festakts des 1. FC Köln (liegt unter diesem Text als Bildergalerie vor) wurde am 22.7.1961 der 60. Jahrestag des Vereins im ganz großen Stil gefeiert. Dabei berief man sich auf den 12.6.1901, dem Gründungsdatum des Kölner Ballspiel Clubs  (KBC).

 

Das war keineswegs ungewöhnlich, denn auch andere Vereine machen sich durch Vorgängerclubs gerne mal ein bißchen älter. Der Hamburger SV terminiert beispielsweise laut Satzung den 29. September 1887, das Gründungsdatum des SC Germania von 1887, als Tag der Gründung des HSV, welche aber erst 1919 mit zwei weiteren Vereinen (Hamburger FC von 1888 und FC Falke 06) wirklich formal vollzogen wurde. Andere Vereine, wie beispielsweise 1860 München oder 1899 Hoffenheim waren jahrzehntelang reine Turnvereine, die Fußballabteilungen wurden erst deutlich später (München 39 Jahre, Hoffenheim 46 Jahre) zugelassen.

 

KBC, Sülz 07,  1. FC Köln – immer reine Fußballvereine, anders als andere

 

Die Geißböcke machten damit also nichts falsch, als am 22. Juli 1961 der 60. Geburtstag des 1. FC Köln gefeiert wurde. Man berief sich eben auf den älteren der beiden Vorgängervereine, die übrigens tatsächlich reine Fußballclubs waren und nichts mit Turnen oder anderen Sportarten zu tun hatten.

 

Folgt man der Abschrift dieses Tages, bei der alle Reden der Gratulanten inklusive der jeweiligen Reaktion des Publikums (Beifall, Heiterkeit, Applaus usw) Wort für Wort protokolliert wurden, dann wird die Stellung des Vereins in der Stadt schnell klar. Auch wenn die damalige Sprache etwas gewöhnungsbedürftig ist, wenn man sich darauf einlässt, dann erfährt man vieles Interessante. Unter anderem, wie sehr die Stadt Köln den Club unterstütze. Die Rede des damaligen Oberbürgermeisters Theo Burauen belegt, wie sehr man den Bau des neuen Geißbockheims auch finanziell unterstützt hatte, weil man darin auch ein Kapital sah, weil „aller Sport der Förderung der Volksgesundheit und der Hebung der Volkskraft dient“. Was ein Unterschied zur heutigen Haltung von Stadt und Oberbürgermeisterin. Übrigens ließen manche Festredner von anderen Vereinen durchaus auch etwas Neid auf die Zuwendung seitens der Stadt zum FC durchblicken.

 

Andere Zeiten – Große Unterstützung seitens der Stadt beim Bau des Geißbockheims

 

Der komplette Tag war aufgebaut wie ein Staatsakt, das verrät das Programm, welches ebenfalls abgedruckt ist. Einem Foto dieser Feier entnimmt man eine Garderobe, die an getragener Festlichkeit an einen Neujahrsempfang beim Bundespräsidenten ähnelt. An jenem 22. Juli 1961 begann das offizielle Programm um 10.30 mit dem Empfang der Gäste, die dabei eine Besichtigung der neuen Sporthalle sowie der Jugend- und Sporträume vornehmen konnte. Um 11.00 Uhr spielte ein Streichquartett auf, der die Begrüßung der Gäste durch Präsident Franz Kremer folgte. Eine Festrede von Dr. Wilhelm Sälter, dem Präsidenten der deutschen Sportjugend folgte. Sie sollte eine gute halbe Stunde andauern.

 

Weitere Gratulationen und persönliche Grußworte folgten und können der Abschrift entnommen werden. Man sollte sich übrigens nicht abschrecken lassen, einige der Reden sind recht launig und auch im Nachgang alles andere als uninteressant. Zumal die etwas altväterliche Sprache für den einen oder anderen Schmunzler sorgt.

 

Nach Franz Kremer und Wilhelm Sälter sprachen noch OB Theo Burauen, Regierungsdirektor Rüngener, Regierungsrat Frohn (in Vertretung des Regierungspräsidenten), Dr. von Ameln (Vorsitz Sportausschuss NRW sowie Vorstand Düren 99), Konrad Schmedeshagen (Vorstand DFB und Vorsitz des Westdeutschen Fußball-Verbands), Dr. Schwarz (Landessportbund & Sporthochschule Köln), Hermann Schmaul (Vorsitz Kreis Köln), Dr. Schmitz (ASV Köln), Thomas Liessem (FK Kölner Karneval), Heinrich Kierdorf (Vorsitz Viktoria Köln), Dr. König (Vorsitz Schalke 04) sowie mit Herrn Seuser einem Mitglied des Vorstandes von Bayer Leverkusen.

 

Letztgenannter sorgte am Schluss für Heiterkeit, weil er einen Agfa Fotoapparat als Geschenk übergab, welchen Franz Kremer dankbar entgegennahm. Wie er daraufhin erzählte, hatte man schon jemanden in die Stadt geschickt, um einen Fotoapparat zu besorgen, weil man diesen wohl nicht vor Ort hatte.

 

Bundestrainer Herberger auch vor Ort, der ebenso eingeladene Bundeskanzler Adenauer nicht

 

Die verlesenen Grußworte von Persönlichkeiten, die aus terminlichen Gründen nicht anwesend waren, aber eine Einladung erhalten hatten, zeigen dass es dem 1. FC Köln nicht an Selbstbewusstsein gemangelt hat. Der damalige FC-Sprecher Hans Gerd König verlas die Botschaften des Bundeskanzlers Adenauer, des NRW-Ministerpräsidenten Dr. Meyers, des NRW Innenministers Josef Dufhues, ebenso die Grußworte vom Präsidenten des Deutschen Sportbundes, Will Daume. Auch der Präsident des DFB, der heute umstrittene Peco Bauwens, ließ es sich nicht nehmen, seinem Stammverein trotz gesundheitlicher Probleme eine Glückwunschnachricht zu hinterlegen.  

 

Im Bild zu sehen ist übrigens auch der Bundetrainer Sepp Herberger, der also vor Ort dem 1. FC Köln die Aufwartung machte, jedoch keine Rede hielt. Für ihn war wohl auch der nächste Programmpunkt der wichtigste. Zum Festakt gehört nämlich nach Ende aller Reden der Umzug ins Müngersdorfer Stadion, wo um 16:30 Uhr die Mannschaft des 1. FC Köln auf ZSKA Sofia traf. Der FC gewann den Vergleich mit dem bulgarischen Meister mit 4:0 (siehe hier). Den Bildern auf der Website von ZSKA entnimmt man, dass das Stadion komplett gefüllt ist.

 

Ein Punkt im Programm: Der 1. FC Köln spielt gegen ZSKA Sofia

 

Doch mit dem Spiel war der Festtag noch nicht beendet. Ab 20 Uhr lud der Verein noch zur Abendveranstaltung, zu einem festlichen Abschluß im Kölner Gürzenich, wo das Orchester Kurt Edelhagen spielte, seinerzeit sicher einer der führenden Bigband-Leader der 50er und 60er Jahre.

 

Nimmt man alles zusammen, dann war das Ganze ein Festakt, wie er in dieser Größe und Förmlichkeit seitdem rund um den 1. FC Köln wohl nicht mehr vorgenommen wurde. Es dürfte auch ein sehr teurer Tag gewesen sein, aber der 1. FC Köln war schließlich seinerzeit das „Real Madrid des Westens“. Obwohl der erste Meistertitel erst zehn Monate später folgen sollte, galt man bereits als DER kommende Verein im Land. Einige Westdeutsche Meisterschaften, die seinerzeit eine sehr hohe Wertigkeit hatten, waren ja bereits gefeiert worden.  Außerdem waren neue Bauabschnitte des hochmodernen Geißbockheims gerade mit weiteren Erweiterungen fertiggestellt worden, was ebenfalls gut zum 60. Geburtstag passte und auch in den Reden immer wieder angesprochen wurde. Also hieß es am Grüngürtel: Was kostet die Welt?

 

Riesiger Aufwand, um später den Gründungstag zu wechseln. Warum?

 

Wenn man das alles liest, ist es doch recht erstaunlich, dass mit der Zeit der 12.6.1901 vom 13.2.1948 abgelöst wurde. Es darf spekuliert werden: Wollte man sich jünger machen, wie es „Diven“ (der FC galt lange als „Diva vom Rhein“) nun mal gerne tun? War man vielleicht auch ob der Absagen diverser großer Namen (z.B. Bundeskanzler Adenauer) enttäuscht und ließ die Gründungsthematik grundsätzlich in den Hintergrund treten? Lag es am Präsidenten Franz Kremer, der vier Jahre vor dem vermeintlich 70. Jahrestag verstarb und man anschließend eine Neubewertung bezüglich der Gründung vornahm? Oder hat es sich schlicht so ergeben?

 

FC-Archivar und Autor Dirk Unschuld dazu: "Auch 1951 gab es gleiche, wenn auch aufgrund der Nachkriegsmängel weniger aufwändige Feierlichkeiten. Die "alten" KBCianer starben mit der Zeit aus, so dass man ab den 1970er Jahren den Fokus auf den 13.02.1948 legte."

 

Der formale 75. Geburtstag rein als 1. FC Köln ist und bleibt also richtig! Allerdings hätte der Verein ohne jegliche Bedenken auch den 12.6.1901 als Geburtsstunde nennen dürfen. Er hat es zwischenzeitlich sogar mit großer Inbrunst getan, wie die Abschrift des Festaktes belegt. Aber der FC hat es nicht nötig, sich älter zu machen als er ist. Traditionsverein ist er so oder so. 

 

75 oder 111+11? Einfach 2x feiern

 

Mein Tipp: FC-Fans könnten dennoch einfach zweimal Jubiläum feiern, einmal den 75. am 13. Februar und dann zusätzlich am 12. Juni 2023. Da gäbe es den „111 plus 11“ Geburtstag zu feiern. Man muss flexibel sein … 


Die komplette Abschrift des Festakts von 1961

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