Lieber FC, weißt Du eigentlich, dass Du am 12. Juni 125 Jahre alt wirst?

Die Geschichte eines vergessenen Gründungstages - Können wir dennoch bald gratulieren?

Ralf Friedrichs, 01.06.2026

Es ist schon eine merkwürdige Geschichte. Da gibt es einen großartigen Verein, der die Jahreszahlen 01 und 07 bis heute ganz offiziell in seinem Namen trägt. Einen Verein, der noch Jahrzehnte nach seiner Fusion selbstverständlich Jubiläen feierte, die weit über das Jahr 1948 hinausreichten. Einen Verein, dessen prägende Persönlichkeiten ihre Wurzeln in den Vorgängervereinen hatten und der seine eigene Geschichte über lange Zeit ganz selbstverständlich als eine Geschichte verstand, die deutlich früher begonnen hatte.

 

Und dennoch scheint sich heute die Auffassung durchgesetzt zu haben, die Geschichte dieses Vereins beginne erst im Jahr 1948. Deshalb ist der bald kommende 12. Juni 2026 vielleicht ein guter Anlass für eine freundliche Erinnerung. Denn an diesem Tag jährt sich die Gründung des Kölner Ballspiel-Clubs von 1901 zum 125. Mal. Jenes Vereins also, dessen Geschichte später über verschiedene Stationen hinweg in die Geschichte des 1. FC Köln mündete.

Die große 60 Jahre Feier des 1. FC Köln im Jahre 1961.  ... 1961? ... Ja, 1961!
Die große 60 Jahre Feier des 1. FC Köln im Jahre 1961. ... 1961? ... Ja, 1961!

1948 war ein Anfang. Aber nicht DER Anfang

 

Natürlich ist mir bewusst, dass jetzt manche sofort auf den 13. Februar 1948 verweisen werden. Auf jenen Tag, an dem aus dem Kölner BC 01 und der SpVgg Sülz 07 der 1. FC Köln entstand. Und selbstverständlich hat niemand die Absicht, dieses Datum kleinzureden. Im Gegenteil. Die Gründung des FC durch die Fusion seiner beiden Ursprungsvereine aus den Jahren 1901 und 1907 war einer der bedeutendsten Momente der Kölner Sportgeschichte.

 

Die spannende Frage lautet deshalb auch nicht, ob der FC 1948 gegründet wurde. Sie lautet vielmehr, warum der Verein selbst zunächst überzeugt war, dass seine Geschichte deutlich früher begonnen hatte. Um diesen Fakt zunächst zu verschweigen und später regelrecht zu vergessen. 

Der FC feierte 1961 seinen 60. Geburtstag

 

Denn im Jahr 1961 feierte der 1. FC Köln seinen 60. Geburtstag. Man sollte diesen Satz vielleicht einen Moment wirken lassen.

 

Der 1. FC Köln feierte 1961 seinen 60. Geburtstag. Das ist eine bewiesene Tatsache!

 

Nicht sein dreizehntes Jahr nach der Fusion. Nicht irgendein Traditionsjubiläum des Kölner BC. Sondern seinen 60. Geburtstag als 1. FC Köln.

 

Und das geschah keineswegs versteckt in irgendeinem Vereinsheim zwischen einem Kranz Kölsch und vergilbten Erinnerungsfotos. Der FC beging dieses Jubiläum mit einer Selbstverständlichkeit und Größe, die keinen Raum für Zweifel ließ. Es gab ein Jubiläumsspiel gegen ZSKA Sofia (siehe hier). Den Bildern auf der Website von ZSKA entnimmt man, dass das Stadion komplett gefüllt ist.

 

Am Geißbockheim fand ein Empfang statt, der eher an einen Staatsakt als an eine gewöhnliche Geburtstagsfeier erinnerte. Bundestrainer Sepp Herberger war vor Ort, dazu zahlreiche Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens aus Köln und weit darüber hinaus. Festreden wurden gehalten und alle gratulierten dem 1. FC Köln - nicht dem KBC - zu seinem 60. Geburtstag! Die Medien begleiteten die Feierlichkeiten, und niemand schien auf die Idee zu kommen, den Jubilar darauf hinzuweisen, dass er eigentlich erst 13 Jahre alt sei.

 

Kaum zu glauben, aber wahr. Und vor allem: belegbar


Die komplette Abschrift des Festakts von 1961

Zum besseren Lesen ist zu empfehlen, die Galerie auf die volle Bildschirmgröße (siehe Mitte) anzupassen und dann oben rechts in den Bedienelementen das Pause-Symbol zu betätigen. Mit den Pfeilen kann man dann nach rechts oder links blättern. 

Offenbar sahen die Verantwortlichen jener Zeit die Dinge anders als viele ihrer Nachfolger. Für sie begann die Geschichte des FC nicht erst mit der Fusion von 1948. Sie verstanden den Kölner BC 01 und auch die SpVgg Sülz 07 nicht als historische Vorläufer, die man aus Höflichkeit gelegentlich erwähnt. Sie betrachteten beide Vereine als Teil der eigenen Herkunft.

 

Der FC fiel nicht vom Himmel

 

Und ehrlich gesagt erscheint das auch ausgesprochen logisch. Denn der FC fiel schließlich nicht an einem kalten Februartag des Jahres 1948 vom Himmel. Er entstand aus gewachsenen Strukturen, aus Vereinen mit eigener Geschichte, eigenen Erfolgen, eigenen Persönlichkeiten und einer eigenen Bedeutung für den Fußball dieser Stadt.

 

Wer heute auf den Kölner BC 01 lediglich als einen historischen Vorläufer blickt, übersieht leicht, dass dieser Verein lange vor der Gründung des FC zu den bedeutenden Adressen des westdeutschen Fußballs gehörte. Als der KBC 1912 Westdeutscher Meister wurde und anschließend das Viertelfinale um die Deutsche Meisterschaft erreichte, lag die Gründung des 1. FC Köln noch Jahrzehnte in der Zukunft. Der Verein stellte Nationalspieler, gewann weitere regionale Titel und gehörte zu jener Generation von Clubs, die den Fußball im Westen Deutschlands überhaupt erst groß machten.

 

Auch die SpVgg Sülz 07 war weit mehr als ein unbedeutender Fusionspartner. Die Westdeutsche Meisterschaft von 1928 sowie die zweimalige Teilnahme an der Endrunde um die Deutsche Meisterschaft belegen eindrucksvoll, dass auch dort Fußballgeschichte geschrieben wurde, lange bevor der Name 1. FC Köln überhaupt existierte.

 

Vor allem aber brachten beide Vereine Menschen hervor, ohne die der spätere FC kaum denkbar gewesen wäre. Die Nationalspieler Robert Hense und Karl Flink gehörten dazu. Letzterer war 1948 übrigens der erste Trainer des 1. FC Köln nach der Fusion. Und ein Name überragt alle anderen.

 

Ohne den KBC kein Franz Kremer. Und vielleicht kein FC

 

Wenn heute über den visionären Gründungspräsidenten des 1. FC Köln gesprochen wird, geschieht das vollkommen zu Recht mit Hochachtung. Aber Franz Kremer wurde nicht am 13. Februar 1948 erfunden. Er war zuvor Vorsitzender des Kölner BC 01 gewesen. Seine Ideen, seine Vorstellungen und sein Traum von einem großen Kölner Fußballverein entstanden lange vor jener berühmten Fusion.

 

Ohne den KBC hätte es Franz Kremer in dieser Rolle nicht gegeben. Und ohne Franz Kremer wäre der 1. FC Köln vermutlich niemals zu dem geworden, was er heute ist.

 

Auch Hennes Weisweiler begann seine Geschichte nicht als Spieler des 1. FC Köln, sondern des KBC. Als er 1937 als 17-Jähriger sein Debüt für den Kölner BC 01 gab, ahnte niemand, dass er später zu den prägendsten Figuren des deutschen Fußballs gehören würde. Doch auch seine Geschichte gehört zu jener Tradition, aus der der FC später hervorging.

 

Wer die Geschichte des FC ausschließlich ab 1948 erzählen möchte, müsste zwangsläufig einen Teil der Geschichte Franz Kremers, Hennes Weisweilers und vieler anderer bedeutender Persönlichkeiten in eine Art historisches Vorzimmer auslagern.

 

Der offizielle Name des 1. FC Köln sagt eigentlich alles

 

Und genau an diesem Punkt lohnt sich vielleicht ein Blick auf einen Umstand, der in dieser Diskussion erstaunlich selten erwähnt wird. Der Verein heißt bis heute offiziell 1. FC Köln 01/07 e.V.

 

Nicht 1. FC Köln 1948 e.V. Sondern 1. FC Köln 01/07 e.V.

 

Die Zahlen 01 und 07 stehen dort nicht aus dekorativen Gründen. Sie stehen dort, weil der Verein selbst sehr lange keinen Widerspruch darin sah, seine Wurzeln sichtbar zu tragen. Man muss deshalb kein Historiker sein, um sich darüber zu wundern, warum der frühere Gründungstag eines der Vorgängerclubs in der öffenltichen Debatte überhaupt keine Rolle mehr spielt. Wenn die Geschichte des Vereins tatsächlich ausschließlich am 13. Februar 1948 beginnen würde, hätte man irgendwann erwarten dürfen, dass sich diese Überzeugung auch im Vereinsnamen niederschlägt. Stattdessen erinnert der FC bis heute mit jeder Satzung, jedem offiziellen Dokument und jedem Blick ins Impressum an genau jene beiden Jahreszahlen, die dem Anschein nach nichts mit seinem Alter zu tun haben sollen.

 

Andere Vereine handhaben es anders. Der Hamburger SV beispielsweise beruft sich bis heute auf das Jahr 1887, obwohl der HSV in seiner späteren Form erst 1919 durch den Zusammenschluss mehrerer Vereine entstand. Dort empfindet niemand das als problematisch. Im Gegenteil. Es gilt als Ausdruck historischer Kontinuität und einer gewachsenen Tradition. 

 

Der Kölner Dom entstand auch nicht erst mit seinen Türmen

 

Und genau deshalb wirkt die Vorstellung, die Geschichte des FC beginne ausschließlich im Februar 1948, ungefähr so überzeugend wie die Behauptung, der Kölner Dom sei erst mit der Fertigstellung seiner Türme entstanden. Gerade weil sich viele FC-Fans manchmal Sprüche von anderen Vereinen anhören müssen, streng genommen ja durch die späte Gründung kein Traditionsverein zu sein, müsste man sich doch viel eher auf den 12.6.1901 berufen. Es ist ja nichts daran falsch

 

Zurück zum Vergleich mit dem Dom: Natürlich waren die Türme wichtig. Sie machten den Dom zu dem Wahrzeichen, das wir heute kennen. Trotzdem würde niemand ernsthaft behaupten, die Jahrhunderte zuvor hätten mit seiner Geschichte nichts zu tun gehabt.

 

Was würde Franz Kremer dazu sagen?

 

Dass diese Sichtweise keineswegs eine Erfindung nostalgischer Geschichtsfreunde ist, bestätigte vor einigen Jahren sogar FC-Archivar Dirk Unschuld. Als die Diskussion um die Jubiläumsfeier von 1961 erneut aufkam, schrieb er in den sozialen Medien: „Auch 1951 gab es gleiche, wenn auch aufgrund der Nachkriegsmängel weniger aufwändige Feierlichkeiten. Die ‚alten‘ KBCianer starben mit der Zeit aus, so dass man ab den 1970er Jahren den Fokus auf den 13.02.1948 legte.“

 

Heute erscheint es fast umgekehrt. Man hat sich über Jahrzehnte so sehr auf den 13. Februar 1948 konzentriert, das dieses Datum sich quasi verselbständigt im Kopf aller FC-Fans einprägte. Und dies ist ja im Sinne der Fusion auch richtig. Der aber ursprünglich vom 1. FC Köln festgelegte Gründungstag am 12. Juni 1901 geriet quasi fast überall in Vergessenheit. 

 

Die Verantwortlichen des Jahres 1961 hatten jedenfalls keine Zweifel daran, wann die Geschichte ihres Vereins begonnen hatte. Franz Kremer vermutlich auch nicht.

 

Können wir dem 1. FC Köln am 12. Juni 2026 zum 125. Geburtstag gratulieren?

 

Vielleicht geht es am Ende gar nicht darum, ob der FC juristisch 78 oder historisch 125 Jahre alt ist. Es geht eher darum, ob ein Verein seine Geschichte dort beginnen lässt, wo sie tatsächlich begonnen hat. Die Persönlichkeiten des Jahres 1961 hatten darauf eine klare Antwort.

 

Und genau deshalb darf man heute die Frage erneut stellen. Weder provozierend, noch anklagend. Sondern schlicht aus Interesse an der eigenen Geschichte:

 

Können wir dem 1. FC Köln am 12. Juni 2026 zum 125. Geburtstag gratulieren?